Eckehart Ehrenberg
Dipl. Phys. Dr. phil.
Forschungsinstitut für Sicherheitspolitik
und internationale Entwicklung e.V.
D-53173 Bonn

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Tödliche Ignoranz

Notwendige Bemerkungen zum Bürgerkrieg im Kosovo
und zum NATO-Einsatz gegen Jugoslawien

I n h a l t

Die Beachtung des Völkerrechts ist keine inhumane Formalie
Jahrzehntelange Erfahrungen mißachtet
Militärisches Eingreifen in Bürgerkriegen schadet den Schutzbedürftigen
Weitere Irrtümer
Krieg ist keine "Polizeiaktion"
Deeskalation ist oberstes Gebot
Typische Konfliktkonstellation
Militanter Chauvinismus verlangt erst recht Vorsicht
Keine Alternative? Drohung schadet, Beistand nützt
Geld für den Krieg fehlt für die Hilfe
"Eins, zwei, drei" - und alles kaputt
Wandel durch Annäherung - dauerhafter Friede durch Gerechtigkeit
Dumme Freunde sind so schädlich wie ein kluger Feind

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Die Beachtung des Völkerrechts ist keine inhumane Formalie

(1) Der gegenwärtige Militäreinsatz gegen Jugoslawien ist ohne UN-Mandat eindeutig völkerrechtswidrig. Der - bekannte - Hinweis darauf wird allerdings als eine elegante Möglichkeit betrachtet - und so diskriminiert -, sich aus der humanitären Verantwortung zu stehlen. Zu bedenken ist dagegen, daß Völkerrecht - wie jedes Recht - insbesondere dazu dient, im Chaos der konfligierenden Interessen und unterschiedlichen Kräfteverhältnisse eine - zwar unvollkommene - aber doch relativ breit akzeptierte und einigermaßen verläßliche Basis für das Zusammenleben zu schaffen. Das Recht zwingt - wenn nicht immer - so doch in vielen Fällen, auch den Stärkeren zum Rückzug und schützt damit die Schwachen und die Minderheiten. Auch die im Augenblick stärkere Macht weiß, daß sie morgen - in welcher Situation auch immer - die Schwächere sein kann und wird daher zumindest einen Augenblick zögern, bevor sie das Recht verletzt, das sie und ihre Interesse morgen schützt oder wenigstens unterstützt. Dies gilt für Serbien ebenso wie für die "einzig verbliebene Supermacht" USA.

(2) Dennoch ist es legitim - und geboten - , jenseits - und notfalls auch unter Mißachtung - formalen Rechts Möglichkeiten des Beistands und der Hilfe zu suchen und auszuschöpfen. Aber dafür gilt unter Berücksichtigung des hohen Risikos der alte lateinische Spruch erst recht, der da lautet: "Quidquid agis, prudenter agas et respice finem." (Was Du auch tust, tue es klug und bedenke das Ende.)

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Jahrzehntelange Erfahrungen mißachtet

(3) Diese Weisheit ist leider im Falle des militärischen Einsatzes gegen Jugoslawien nicht beherzigt worden, sei es weil andere Interessen im Vordergrund standen, sei es - und das ist bei etlichen der gutmeinenden Akteure zu vermuten - aus bloßer Inkompetenz. Das hat für die betroffenen Hilfsbedürftigen schreckliche Folgen, und zwar auch dann, wenn einige von diesen glauben, ein NATO-Bombardement könne ihnen helfen. Leider sind Jahrzehnte der Erfahrung mit Bürgerkriegen, insbesondere im nahen Mittelmeerraum - zum Beispiel auf Zypern, im Libanon und anderswo - von den Verantwortlichen einfach ignoriert worden. Das ist erschreckend.

Und wenn politisch und fachlich Verantwortliche beklagen, niemand habe ihnen eine Alternative zu einem militärischen Eingreifen der NATO genannt, ist das einfach unfaßbar. Diese Alternativen gibt es, und niemand zwingt diese Leute dazu, einen Posten zu bekleiden, dem sie offensichtlich nicht gewachsen sind, und zum Schaden derjenigen, denen sie helfen wollen, elementare Fehler zu begehen:

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Militärisches Eingreifen in Bürgerkriegen schadet den Schutzbedürftigen

(4) In Bürgerkriegen, an denen größere Bevölkerungsteile beteiligt sind - nicht Putschen - ist es völlig sinnlos, aus der Luft militärische Infrastrukturen zu zerstören. Abgesehen davon, daß dies ohnehin nur unvollkommen gelingen kann, heizt ein solches Vorgehen bestenfalls die Wut der betroffenen Kriegspartei weiter an und stärkt die - vergebliche - Hoffnung der anderen Kriegspartei, ihre Ziele mit Gewalt zu erreichen. In der Regel werden nur kriegerische Gleichgewichtszustände geringfügig verschoben. Es bleiben genug Waffen zur Kriegführung, deren Opfer in erster Linie immer die Zivilbevölkerung ist. Deren Leiden wird von den kriegführenden Parteien aller Seiten um so mehr ignoriert, je verbissener gekämpft wird.

Zum massenweisen Töten von Menschen reichen leider auch die sog. Kleinwaffen völlig aus. Im übrigen ist es charakteristisch für eine Bürgerkriegssituation, daß sich die Leute schließlich mit Axt und Messer umbringen.

(5) Auch mit Bodentruppen ist in Bürgerkriegen nicht viel auszurichten. Israel hat 1982 mit Waffengewalt den Libanon besetzt. Zuvor hatte bereits Syrien eine "Friedenstruppe" geschickt. War es das Ende der Massaker? Mitnichten. Sabra und Shatila sollten noch kommen. Eine westliche bewaffnete Multinationale Streitmacht (MNF) hat schließlich versucht, im Libanon Ordnung zu schaffen. Das Ergebnis war schrecklich, und die MNF hat sich 1983 schlicht aus dem Staube gemacht.

Ebenso haben sich in größerem Stil früher die USA aus Vietnam und später die Russen aus Afghanistan davongemacht. Sie haben dort entweder ein Chaos oder das Gegenteil von dem zurückgelassen, was sie erreichen wollten.

Und wer soll den nun im Kosovo sein Leben zur voraussichtlich vergeblichen Rettung von Menschen riskieren, auf deren Leben ihre Nachbarn und Verwandte in beiden Bürgerkriegsparteien wenig Rücksicht nehmen? Die politisch und militärisch Verantwortlichen der "internationalen Staatengemeinschaft" werden es sicher nicht sein.

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Weitere Irrtümer

(6) Ein gefährlicher Irrtum ist es zu glauben, die früheren bewaffneten Friedensstifter hätten - im Gegensatz zu heute - wegen des Ost-West-Konflikts nicht wirksam sein können. Weder die Sowjetunion noch die USA hätten aber wegen Vietnam bzw. Afghanistan einen Atomkrieg vom Zaun gebrochen. Und Interessengegensätze, die zu Waffenlieferungen an die jeweils andere Konfliktpartei führen, gibt es bekanntlich heute wie damals. Daß Rußland massenweise Waffen an Jugoslawien geliefert hat und jetzt erst recht liefern wird, war und ist bekannt, auch, daß dies leider niemand - auch nicht der IMF, von dem Rußland finanziell abhängt - verhindern kann.

(7) Es ist richtig und wichtig, Menschenrechtsverletzungen anzuprangern. Aber es ist in Bürgerkriegen sinnlos, einzelnen Führern und den mit ihnen eng verbundenen Machtcliquen militärisch zu drohen. Das mag berechtigt sein, weil sie tatsächlich Schurken sind, aber es hilft leider niemandem. Bürgerkriege, so auch der im Kosovo, werden von ganzen Bevölkerungsteilen geführt. Offene Drohungen gegen die Führer festigen deren Stellung statt sie zu schwächen.

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Krieg ist keine "Polizeiaktion"

(8) Leichtfertigerweise und wider besseres Wissen werden Militäraktionen wie die gegen Jugoslawien gern als "Polizeiaktionen" hingestellt. Abgesehen davon, daß sich Polizeiaktionen an geltendem Recht orientieren müssen - gegen das die NATO gerade verstößt - setzen Polizeiaktionen ein zumindest relatives Machtmonopol der Ausführenden voraus. Zwischen einem solchen Machtmonopol und einer - auch erdrückenden - militärischen Überlegenheit besteht ein erheblicher Unterschied. Wer das nicht erkennen will, führt mutwillig etwas ganz anderes herbei: ein blutiges Gemetzel.

Auch und gerade bei einer Polizeiaktion mit Geiselnahme, an der zu allem fähige Täter beteiligt sind, ist im übrigen Deeskalation - jenseits der Frage von Schuld und Bestrafung - das oberste Gebot. Daneben gibt es noch Instrumente wie den zu Recht umstrittenen sog. "finalen Rettungsschuß", der aber bei einer Militäraktion gar nicht zur Verfügung steht.

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Deeskalation ist oberstes Gebot

(9) Die Schwachen sind verletztlich durch jede Art von Gewalt, "böse" wie "gute". Wenn man daher wirklich helfen will, darf man nicht neue Komponenten der Gewaltanwendung hinzufügen. Man muß vielmehr alles tun, um die M o t i v a t i o n zur Gewaltanwendung zu verringern. Kein Volk ist so bösartig, ohne Grund zu den Waffen zu greifen und erst recht nicht zum Mittel der "ethnischen Säuberung". Und meistens ist es - wie bei Individuen - bei denen, die stark scheinen, nicht Stärke, sondern Schwäche und Verzweiflung, die zur Gewalt bzw. ihrer Duldung und Unterstützung führt.

Unabhängig davon nährt die Verteufelung ganzer Völker, wie heute "der Serben", rassistische Denkweisen, die sich schon morgen in destruktiver Weise gegen andere Völker und Bevölkerungsgruppen richten werden. Auch daran muß man denken. Und auch Milosevic als Verursacher des Übels zu verteufeln und zum Hauptangriffsziel zu machen, ist ebenso naiv und sinnlos, wie es im Falle von Ho Chi Minh, Ayatollah Khomeini, Muammar-el-Kadhafi, Saddam Hussein und anderen gewesen ist.

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Typische Konfliktkonstellation

(10) Die politische Konstellation im Kosovo ist eine konfliktträchtige, die typisch ist für viele andere Teile der Welt: Eine regionale Minderheit steht mit einer Bevölkerungsgruppe in Verbindung, die im Gesamtstaat, zu dem die Region gehört, die Mehrheit stellt. Das sind in diesem Fall "die Serben" - und anderswo "die Türken", "die Griechen", "die Hindus" etc. Die Mehrheitsposition im Gesamtstaat balanciert die Minderheitsposition in der Region aus, ja verhilft - ggf. in Verbindung mit sozio-kulturellen Faktoren - sogar zu einer Position der Überlegenheit, in der leicht auch Unrecht gegenüber denjenigen begangen wird, die regional in der Mehrheit sind. Das führt dazu, daß viele alte Rechnungen beglichen werden, wenn die Gelegenheit kommt, d.h. wenn die Verbindung der regionalen Minderheit zum Gesamtstaat geschwächt oder gar unterbunden wird. Dann schlägt die Überlegenheit schnell in Unterlegenheit und - subjektiv - in schlichte Angst um.

(11) Angst ist kein guter Ratgeber. Die Angst breiter Bevölkerungsschichten ist die Plattform, auf der Demagogen und Gewalttäter jeder Couleur leichtes Spiel haben.

(12) Demagogen und Gewalttäter gibt es in allen Bevölkerungsgruppen. Haben diese sich erst einmal legitimiert und die Oberhand erlangt, führen die von ihnen begangenen Gewalttaten mittels Aktion und Reaktion in eine Spirale der Gewalt, an deren Ende die "Gewaltkultur" steht - siehe Libanon. Der Krieg dient auf allen Seiten der materiellen und gesellschaftlichen Stellung derjenigen, die ihn führen - auf Kosten aller anderen.

(13) Demagogen und Gewalttäter fürchten externe Drohungen, Luftschläge und Zerstörungen aller Art nicht; letztere sind ihnen ganz im Gegenteil willkommen, um die Demokratie - weil nicht mehr handlungsfähig - völlig zu beseitigen und die Opposition nicht nur auszuschalten, sondern schließlich als Verräter physisch zu liquidieren.

(14) Die Rolle "der Serben" im Kosovo hat eine aktuelle Vorgeschichte: "Die Serben" hatten im antifaschistisch geeinten Nachkriegs-Jugoslawien eine privilegierte oder zumindest gesicherte Position auch in den Regionen inne, in denen sie in der Minderheit waren. Das hat sich schon in den achtziger Jahren, spätestens aber seit der bewaffneten Sezession Kroatiens 1991 grundlegend geändert. Seitdem sind auch serbische Bevölkerungsteile massakriert und vertrieben worden, und es ist im Ergebnis zunächst egal, wer die Schuld daran trägt. Die serbische Bevölkerung ist dort, wo sie in der Minderheit ist, nicht nur frustriert, weil ihre Privilegien zerronnen sind; sie hat - teilweise verdeckt durch chauvinistische Rhetorik - einfach Angst.

(15) Nicht ohne Mitschuld der sog. "internationalen Staatengemeinschaft" ist im Kosovo eine Situation entstanden, in der - unabhängig von Erfolg oder Mißerfolg - die NATO nicht die Friedfertigen mit Waffen gegen die bewaffneten Angreifer unterstützt, sondern in einem Bürgerkrieg selbst Kriegspartei ist. Sie war von Anfang an und ist weiterhin Verbündete einer Bürgerkriegspartei - der kosovo-albanischen UCK -, die sich - wie immer in der Sache berechtigt - entschlossen hat, ihre Forderungen mit Waffengewalt durchzusetzen, und zwar unter bewußter Inkaufnahme aller bekannten Risiken für die eigene Bevölkerung!

(16) Wer glaubt, serbische Milizen hätten nur darauf gewartet, sich auf friedfertige Kosovo-Albaner zu stürzen, um sie zu massakrieren, ist ebenso bestenfalls naiv. So unbefriedigend und bedrückend die Situation für die kosovo-albanische Bevölkerungsgruppe nach der Einschränkung der Autonomiebestimmungen von 1974 (1986) im Jahr 1998 und schließlich nach ihrer Aufhebung im Juni 1990 gewesen ist, sahen doch etliche ihrer führenden Vertreter - auch aus wohlverstandenem Eigeninteresse - immer noch Alternativen zum bewaffneten Kampf. Leider hat sich der entschlossen, aber gewaltlos agierende Schatten-Präsident der Schattenrepublik "Kosova", Ibrahim Rugova, nicht gerade der besonderen Aufmerksamkeit der "internationalen Staatengemeinschaft" erfreut. Jetzt werden er und seine Anhänger von der "Demokratischen Liga des Kosovo" (LDK) im Zuge der oben geschilderten Mechanismen von den eigenen Leuten ins Abseits gedrängt.

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Militanter Chauvinismus verlangt erst recht Vorsicht

(17) Durch koloniale Machenschaften und Großmachtinteressen wurde die vormals osmanische Provinz Kosovo nach dem Balkankrieg von 1912/13 trotz ihrer mehrheitlich albanischen Bevölkerung nicht dem neuen Staat Albanien sondern dem Königreich Serbien (gegr. 1882) zugeschlagen. Im Anschluß daran soll der seinerzeitige serbische Ministerpräsident Nicola Pasic über die Kosovo-Albaner gesagt haben: "[...] wenn sie sich nicht serbisieren lassen, werden wir sie vertreiben, und wenn sie sich nicht vertreiben lassen, werden wir sie umbringen." Wenn serbische Politiker und Milizenführer sich heute darauf berufen, ist dies empörend und durch nichts zu rechtfertigen. Eine solche, nicht kurzfristig auszuwechselnde falsche "Software" muß aber nüchtern denkende HelferInnen auf höchste alarmieren, gerade in Verbindung mit bitteren Erfahrungen aus Srebrenica und anderen schrecklichen Vorgängen des Bosnienkrieges. Auch in diesem Falle muß die Schuldfrage im Interesse der zu Schützenden, die sich in akuter Gefahr befinden, zunächst ausgeklammert und jede Eskalation vermieden werden.

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Keine Alternative? Drohung schadet, Beistand nützt

(18) Die jetzt von Vertretern der Bonner Regierungskoalition ausgegebene Parole: "Entweder kein Krieg (an dem wir beteiligt sind), oder kein zweites Srebrenica", zeugt bestenfalls von gefährlicher Dummheit, schlimmstenfalls davon, daß es diesen Leuten letztlich völlig egal ist, was im Kosovo passiert. Denn schon jetzt gibt es weitere Srebrenicas, und es werden unter den NATO-Schlägen täglich mehr, wobei für denjenigen, der wirklich helfen will, im Augenblick wiederum die Schuldfrage völlig zweitrangig sein muß.

(19) Es gibt Fälle, in denen Nichtstun die bessere Alternative ist, mit Sicherheit besser ist, als das definitiv Falsche zu tun. Nicht alles ist machbar. Das sollten gerade diejenigen wissen, die behaupten, Ökologen zu sein. Aufmerksames Abwarten ist auch nicht gleichzusetzen mit desinteressierter Gleichgültigkeit.

In vorliegenden Fall kann dagegen sehr wohl auch Kurzfristig Nützliches getan werden. Entscheidend ist zunächst, beiden beteiligten Bevölkerungsgruppen deutlich zu machen, daß

  • jeder Waffeneinsatz zwangsläufig in die Katastrophe führt und niemand mit einer bewaffneten Unterstützung von außen rechnen kann
  • die "internationale Staatengemeinschaft", die Europäische Union, notfalls auch einzelne Staaten im Alleingang ihr friedliches aber aktives Engagement zur Problemlösung zusichern, ohne Vorbedingungen zu stellen.

Der letztere Punkt ist substantiell und keineswegs "nur" eine salvatorische Floskel. Denn es sind gerade die Gleichgültigkeit und die fehlende Glaubwürdigkeit ernst gemeinten Engagements der "internationalen Staatengemeinschaft", die den Gewaltbereiten in den Konfliktparteien letztlich die Legitimität zum Handeln verschaffen. Das war auch im Kosovo nicht anders, als sich unter den Kosovo-Albanern der Eindruck verstärkte, Rugovas gewaltfreier Widerstand habe nichts gebracht und eine Chance auf die Aufmerksamkeit der Welt bestünde nur, wenn das Land im Blut versinke.

Und auch wenn es absurd klingt: Es muß gerade bei den als stärker erscheinenden und augenblicklich stärkeren Serben die Botschaft ankommen, daß auch ihre Forderungen geprüft und ihre Besorgnisse, die völlig in den Hintergrund getreten sind, ernst genommen werden. Gerade hierin liegt entgegen dem oberflächlichen Eindruck der Schlüssel zur Deeskalation.

(20) Es war insofern richtig, die Konferenz von Rambouillet einzuberufen und hier auch die Entwaffnung der UCK zu fordern. Gefährlich war - vor dem Hintergrund früheren Desinteresses - der die Veranstaltung begleitende Verdacht, es handele sich um eine punktuelle, an die akute Krise gebundene Aktivität. Und völlig falsch war die ständig vorgetragene Drohpolitik, die auf allen Seiten genau diejenigen gewaltbereiten Kräfte gestärkt hat, deren Legitimität man hätte untergraben müssen.

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Geld für den Krieg fehlt für die Hilfe

(21) Durchaus nicht nebensächlich sind auch die enormen Kosten jedes militärischen Engagements, und zwar insbesondere deshalb, weil dieses Geld dringend benötigt wird, um existentielle Probleme zu mildern, die ihrerseits Ursache für Gewaltbereitschaft und Gewalt sind. Das "International Institute for Strategic Studies" in London schätzt, daß z.B. der Golf-Krieg von 1910-91 über 100 Mrd.(!), der Bürgerkrieg in Kroatien und Bosnien-Herzegowina 1991-95 10 Mrd. US-$ gekostet hat. Der Krieg gegen Jugoslawien bewegt sich bereits jetzt in der Größenordnung von mehreren Mrd. US-$.

Verständlich ist, wenn Hilfsorganisationen plausibel argumentieren, Hilfsleistungen ohne militärischen Schutz seien sinnlos. Aber auch diese Argumentation greift zu kurz. Entscheidend für die Wirksamkeit von Hilfslieferungen ist die Deeskalation und nicht ein im Ernstfall realistischerweise sowieso nicht zu gewährleistender "Schutz". Vorwiegend passiver Schutz kann allenfalls wirksam sein gegen einzelne Banditen und Plünderer, nicht jedoch gegen zum Kampf entschlossene Bürgerkriegsparteien. Und schließlich halten Bürgerkriegsparteien, die Hilfslieferungen zustimmen, einzelne Abweichler wirksamer in Schach als bewaffnete Begleiter.

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"Eins, zwei, drei" - und alles kaputt

(22) Die Drohpolitik hat eine Schwäche der internationalen wie insbesondere der Außenpolitik der USA offenbart, die immer wieder zu unnötigen Opfern und Fehlschlägen geführt hat. Robert Fisk hat diese Politik in seinem eindrucksvollen, präzisen Bericht über den Bürgerkrieg im Libanon (Pity the Nation, Oxford 1990) die "Eins, zwei, drei"-Politik genannt. Ein Ziel wird gesteckt, und die Maßnahmen sind: erstens, zweitens, drittens... Das Ziel mag noch löblich sein; leider ist am Ende alles anders, als man gedacht hat, weil die Realität eine andere ist und sich gegen die Veränderung mittels "eins, zwei, drei" und aller damit verbundenen Machtmittel auch einer Supermacht erstaunlich widerstandsfähig erweist. Das Fatale ist, daß sich nach dem zwangsläufigen Mißerfolg Gleichgültigkeit breitmacht und sich die Aufmerksamkeit - schon aus Gründen der Peinlichkeit und des Vergessens - anderen Interessen zuwendet.

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Wandel durch Annäherung - dauerhafter Friede durch Gerechtigkeit

(23) Ein solches Verhalten steht in diametralem Gegensatz zu den tatsächlichen Erfordernissen: Deeskalation im Augenblick, mittel- und langfristig gesicherte Aufmerksamkeit, Entschlossenheit und Geduld. Weniger geplant haben sich jenseits von "eins, zwei, drei" in der Geschichte durchaus positive Beispiele ergeben: Die Mauer zwischen Ost und West ist nicht durch Drohpolitik, erst recht nicht durch kriegerische Ereignisse, sondern letztlich mittels "Wandel durch Annäherung" gefallen. Friedlicher Wandel ist in erster Linie ein geistiger Prozeß, der sich auf breiter Basis vollziehen muß. Dabei können sanfte Sanktionen und Belohnungen helfen. Aber Vorsicht! Viele Köche verderben den Brei, und das beliebte "Divide et impera-(Teile und Herrsche-)"Gewürz ruiniert ihn völlig. Aber klassisches - nicht erzwungenes - "Peacekeeping" ist ein nützlicher Beitrag von Militärs, sobald eine erste Deeskalation erreicht ist.

Einen dauerhaften Frieden gibt es schließlich nicht ohne Gerechtigkeit, die wiederum gewöhnlich nicht einfach in der Mitte zwischen den unterschiedlichen Zielen von Konfliktparteien zu finden ist. Gerechtigkeit hat auch eine objektive und eine subjektive Komponente. Wirksam für den Frieden wird eine "objektiv" gerechte Lösung erst, wenn eine breite Mehrheit in den Konfliktparteien auch subjektiv von ihrer Gerechtigkeit überzeugt ist.

Schließlich wird die Legitimität und damit der Fortbestand von gewaltbereiten Diktaturen vor allem dadurch untergraben, daß sie den wirtschaftlichen und privaten Lebensinteressen einer breiten Elite außerhalb des engeren Zirkels der Privilegierten nicht mehr nützt.

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Dumme Freunde sind so schädlich wie ein kluger Feind

(24) Jenseits schädlicher Eigeninteressen des militärischen Establishments ist - seitens der Gutmenschen - nicht das moralische Engagement das Problem - im Gegenteil - sondern die handwerkliche Unfähigkeit, die in diesem Falle tödliche Ignoranz. Lafontaine (nicht der zurückgetretene SPD-Vorsitzende, sondern der sehr realitätsnahe französische Dichter der "Fables") hat vor über 300 Jahren - inzwischen längst auch auf Deutsch nachzulesen - erkannt:

"Fürwahr, den klugen Feind muß man für schädlich halten;
doch ja so sehr den dummen Freund."


Zuletzt geändert am 06.04.1999

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