Eckehart Ehrenberg

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Ein Stück Erinnerung

Aus meinen "1968er" - Jahren in Bonn

Im Spätsommer 1968 kaufte ich von einem Freund ein zweisitziges Moped, das mir bei meinen Freundinnen eine erstaunliche Beliebtheit verschaffte. Mit einer von ihnen knatterte ich am einem späten Nachmittag auf der Bonner "schäl Sick" den Ennert hinauf. Das ging mit der relativ schwachen Maschine nicht gerade schnell. Aber die Freundin hielt sich an mir fest und liebte den Wind in ihren Haaren. Ob sie auch mich liebte, ist nicht ganz sicher.

Oben hielten wir an einem ehemaligen Bauernhaus, das Kommilitonen für ihre "Wohngemeinschaft" gemietet hatten, die historisch gesehen noch zu den Pionierleistungen zählte. Die Gäste saßen an diesem lauen Abend an langen Tischen im Garten und blickten belustigt auf eine große Leinwand, auf der ein Streifen lief, welcher der politischen Bildung gewidmet und daher umsonst erhältlich war. Die schwarz-weißen Bilder ruckelten auf der senkrechten Fläche, und die Stimmen krächzten etwas im seitlich aufgestellten Lautsprecher. Im Vordergrund der in einem afrikanischen Land aufgenommen Szene drängelten sich Schweine, die wohl von der Regierung der Bundesrepublik Deutschland wohltätig und vermeintlich wirtschaftsfördernd finanziert worden waren. Allein das führte schon zu einem Lacherfolg, der jedoch nicht vergleichbar war mit dem, welcher ein etwas armseliger Bundespräsident erzielte, der hinter den Tieren einige seiner in jener Zeit berühmten Worte sprach und im übrigen in der Studentenschaft als "KZ-Baumeister" bekannt war.

Rückblickend steht dieses kleine Ereignis schon relativ spät in einer Zeit, in welcher

  • die fortwährende Bedrückung über die Folgen des vergangenen Krieges
  • das mit wachsender Kenntnis und Erkenntnis sich steigernde Entsetzen über die Verbrechen des eigenen Volkes
  • die Tat- und Triebkraft der Jugend
  • die ernstgemeinte Empörung über die internationalen Verbrechen der gegenwärtigen westlichen Vormacht
  • die Fassungslosigkeit über die politische Rückständigkeit und Unfähigkeit der eigenen Lehrer
  • sowie die wilden Vergnügungen der durchzechten Nächte

ein schwer auflösbares Konglomerat bildeten.

Meine politischen Studentenjahre begannen im Spätherbst 1964, als mich ein Kommilitone aus der Fachschaft Physik fragte, ob ich für das Studentenparlament kandidieren wolle. Ich war etwas unschlüssig; aber der Fragende hatte wohl mein damals noch etwas diffuses politisches Betätigungsbedürfnis erahnt. Das wiederum half ihm, sich aus der nicht geringen Verlegenheit zu befreien, unter den Studierenden der Physik Kandidatinnen oder Kandidaten zu finden.

Nicht vergessen habe ich die Hilflosigkeit, die mich nach meiner Wahl in den Sitzungen des Parlaments befiel. In Berkeley/USA hatte es damals, wie ich erst später lernte, schon heftige Studentenproteste gegeben. Aber in Deutschland war das mehrdeutige Banner mit der Aufschrift "Unter den Talaren der Muff von tausend Jahren" noch nicht entrollt worden. Immerhin hielt im Bonner Studentenparlament ein Kommilitone, der später noch mehr von sich reden machen sollte, lange, theoretisierende und etwas nervende Reden, deren Anliegen und Inhalt der politisch interessierte Student der Physik nicht verstand.

Wenig hat mir in meinem Leben mehr zu schaffen gemacht, als das über lange Jahre vergebliche Bemühen zu verstehen, was in der Politik wirklich vor sich geht. Dabei hat mir auch mein späteres Studium der Politischen Wissenschaft wenig geholfen. Einige Jahre nach meiner Hilflosigkeit im Bonner Studentenparlament war ich in der Wahlversammlung einer großen deutschen Partei ebenso ratlos: Es stellte sich dort eine Reihe von Kandidatinnen und Kandidaten vor, die anschließend auf eine geheimnisvolle Weise gewählt wurden, obwohl nichts darauf hindeutete, daß sie für die vorgesehene Funktion irgendwie geeignet waren. Und immer noch erschrecke ich über die "Normalität" des Weges eines damals jungen Mannes zum Bundesvorsitzenden eben dieser Partei und schließlich Bundesverteidigungsminister, der im Bonner AStA für wenige Wochen mein Helfer im Sozialreferat war.

Mein zweites Mandat im Bonner Studentenparlament 1965/66 legte ich vorzeitig nieder, um für ein sogenanntes akademisches Jahr nach Manchester/England zu gehen. Im berüchtigten Stadtviertel Moss Side, das dort an den Uni-Campus angrenzte, lebte ich im Haus eines Iren. Und dort spülten er und seine Freunde von Zeit zu Zeit den Kummer über die Diskriminierung ihrer Ethnie im nördlichen England mit Alkohol herunter, wobei ihnen eine an der Wand hängende Madonna mitleidig zusah.

Nicht weit entfernt davon lebten schwarze Immigranten aus der Karibik mit ihren Familien in verfallenen, einstmals schmucken Häuschen, welche die Bourgeoisie lange verlassen und aufgegeben hatte. Die Fenster waren oft mit Pappe verkleidet oder mit Stoff zugehängt, nicht nur, weil gelegentlich das Glas fehlte, sondern auch, damit die Bewohnerinnen und Bewohner - wie sie selbst sagten - das Straßenumfeld nicht ansehen mußten, welches sie betrübte.

Nach einigen Wochen schloß ich mich einer studentischen Vereinigung an, die dort in einem Jugendclub tätig war, und ich wußte, was ich politisch und praktisch zu tun hatte.

In der Studentenschaft der Universität Manchester wurden damals schon während der Mittagszeit Talkrunden organisiert. Ich erinnere mich an eine solche, in der es um "Sex und Macht in der Gesellschaft" ging. Die Diskussion hatte durchaus auch einen theoretischen Inhalt wegen dessen Tragfähigkeit ich skeptisch war. Aber nach den klar vorgetragenen Tatbeständen und Schlußfolgerungen spürte ich, etwas gelernt zu haben, ja beeindruckt zu sein.

Als ich im Juni 1967 nach Bonn zurückkehrte, war in Berlin gerade der Student Ohnesorg von einem Polizisten erschossen worden. Ich begann sogleich im Bonner AStA zu arbeiten, zunächst aber nur, um eine studentische Partnerschaft zwischen Bonn und Manchester zu organisieren, Zu diesem Zeitpunkt erschien das politische Umfeld auch in Bonn äußerlich wahrnehmbar verändert. Die Protestplakate hatten sich vervielfacht und das Raunen der Menge, die durch die Mensa strömte, wirkte lauter. Hatte ich im vorletzten Winter im Studentenparlament eine leichte Luftbewegung und einen kleinen Wellenschlag verspürt, so stand ich nun nicht inmitten einer Sturmflut, aber doch in der Randzone eines fernen Gewitters, aus dessen Zentrum stärkerer Wellengang und einige Windböen auch Bonn erreichten.

Nun hatte es in England Brandung und Sturm wahrhaftig nicht nur an den Küsten gegeben; tatsächlich war ich einmal mit Bussen voller Studentinnen und Studenten nach London gefahren, um dort an einer Demonstration teilzunehmen, die größer war als alles was Bonn gesehen hatte und hier erst durch den Ansturm gegen die Notstandsgesetze im Jahr darauf überboten wurde.

Aber irgendwie bestand ein Unterschied in der Meteorologie. War dort ein Sturm mit klaren Ursachen und Wirkungen zu erleben gewesen, gab es in Bonn etwas ebenso Spürbares wie schwer Faßbares, das mich irritierte: Unter Wind und Wolken schien sich hier noch eine Art Gott oder auch ein Ungeheuer gemischt zu haben wie der Geist aus der in der Literatur bekannten entkorkten Flasche.

Das war der Grund, warum ich schon im Juli 1967 im "AStA Info" einen kritischen Leitartikel schrieb, der umgehend einige Anführer der "Revolution" so entrüstete, daß sie - den Text mit ihren Anmerkungen in der Hand - sich schnurstracks beim Vorsitzenden des AStA darüber beschwerten.

Im Winter des darauffolgenden Jahres kam es dann zum ersten großen Polizeieinsatz an der Bonner Uni, gegen den nun auch ich revoltierte, und zwar mit einem längeren Brief an die mir persönlich bekannte "Magnifizenz". Den Text hätte in dieser Form wohl auch ein freiheitlich gesonnener königlicher Untertan im 19. Jahrhundert schreiben können. Das war zum Teil politisches Kalkül, mit dem die hierarchische Struktur der Universität nicht von vorn herein in Frage gestellt wurde, zum Teil aber auch einfach ein Spiegelbild meines seinerzeitigen politischen Bewußtseins.

Wenig später verschärften sich auch in Bonn die Konflikte ständig. Parallel dazu rückte ich selber weiter nach links und wurde stellvertretender Vorsitzender im nachfolgenden "linken" AStA. Im Sommer 1968 kandidierte ich mit einer Linkskoalition selbst für den AStA-Vorsitz, ein Unterfangen, welches nach endlosen Wahlgän-gen daran scheiterte, daß sich das "Bonner Hochschulforum" (BHF), dem ich politisch angehörte, faktisch in "Rechte" und "Linke" gespalten hatte.

Schon vorher erfuhr der Bonner Studentenprotest eine besondere Zuspitzung, die dem in den Frühsommer 1968 fallenden 150jährigen Jubiläum der Bonner Universität und den besonderen Beziehungen zu verdanken war, die der damalige Rektor - ein Alttheologe - mit Griechenland pflegte.

Dort hatte sich aber kurz zuvor nicht der antike demokratische Geist manifestiert, sondern ein Obristenregime an die Macht geputscht. So bedienten sich dann im Flügel des Bonner Schlosses, der Rektorat heißt, unter etlichen geladenen Gästen auch zwei griechische Kollegen des Rektors von einem kalten Buffet, und ich erinnere mich noch heute, daß die schwarzen Jackets dieser beiden nach Mottenkugeln rochen.

Allerdings bestand für die privilegierten, geladenen Studenten die Gelegenheit nicht lange, unter solchen, nur leicht störenden äußeren Umständen die vom Mensaessen zurückbleibende dumpfe Leere des Magens mit von der Universität finanzierten Köstlichkeiten zu füllen. Denn schon wenig später barst die Glastür zum angrenzenden Flur, aufgebrochen von einem mit Steinen beschwerten Bibliothekswagen, den eine Horde protestierender Studenten vor sich herschob.

In der Tat hatten sich die "68er" Studenten eine Menge vorgenommen und kämpften dafür auf dem weiten Feld zwischen Revolution und Reaktion in unterschiedlicher Weise. Die Strukturen der Universität wollten wir verändern, aber auch uns selbst. Die "sexuelle Befreiung" war leichter zu erreichen als die "antiautoritäre Erziehung" oder gar die Veränderung der Beziehungen zwischen Mann und Frau. Das erste Fernsehinterview in meinem Leben betraf die Vermittlung der "Pille" durch den AStA, und ich gab es zusammen und einvernehmlich mit dem Vorsitzenden des christlichen RCDS.

Und all das war eingebettet in innenpolitischen Widerstand gegen das absurde Treiben einer "Großen Koalition" wie darüber hinaus in einen weltweiten Kampf gegen Diktatur und Imperialismus.

In Europa galt es, neben dem neu errichteten griechischen Obristenregime immer noch die zählebigen spanischen und portugiesischen Diktaturen zu beseitigen, während der Ostblock trotz des Protestes eher rechter Studentenorganisationen weitgehend unbehelligt blieb. Das änderte sich erst etwas, als sich der "Prager Frühling" mit Hilfe von Panzertruppen, an denen auch die "Nationale Volksarmee" der DDR beteiligt war, übergangslos in einen tschechischen Winter verwandelte. Und so trugen sich nach dem Zwischenfall im Rektorat und der Rückkehr zum Essen - jetzt in der Bonner Beethovenhalle - nicht nur unter rätselhaften Umständen zwei deutschlandweit bekannte Kommunarden in das Jubiläums-Gästebuch der Universität ein, sondern es gab auch bange Gespräche über die aktuellen Entwicklungen in der Tschechoslowakei.

Veränderungen an der Universität fanden nur sehr schleppend statt. Als erstes wurden schon einmal in Fakultätssitzungen auch einige wenige studentische Vertreterinnen bzw. Vertreter zugelassen. So konnten diese dann zum Beispiel in der Sitzung der Philosophischen Fakultät authentisch erleben, wie die einzige, nicht mehr ganz junge Professorin dort mit "Frollein" eingeredet wurde.

Aber selbst auf dieser Strecke kam es immer wieder auch zu heftigeren Auseinandersetzungen. Am 22. Mai 1968 marschierte das Studentenparlament aus seiner Tagung heraus zu der gleichzeitig stattfindenden Sitzung der philosophischen Fakultät und veranstaltete dort ein Sit-in, eine Aktionsform, die gemeinhin dem "gewaltlosen Kampf" zugerechnet wird. Das sah die Fakultät allerdings anders und strengte erstmals in großem Stil Strafverfahren gegen gewählte Vertreterinnen und Vertreter der Studentenschaft an. Einige der - fast ausschließlich, siehe oben - Herren der Fakultät machten Herzbeschwerden geltend und daß sie genötigt worden seien, aus dem Fenster zu springen. An dieser Stelle ist zu erwähnen, daß der Sitzungsraum im Parterre lag und die Flüchtenden nur über die Brüstung der zahlreichen Fenster steigen mußten, woran sie niemand hinderte.

Nichtsdestoweniger nahm sich die Bonner Justiz der Verfolgung mutmaßlicher politischer Straftäter mit großem Eifer an. So wurde auch ich erst 1971 von weiteren Ermittlungen durch eine "Generalamnesty" verschont. Diese hatte schließlich die der "Großen" nachfolgende "Kleine Koalition" als Bundesgesetz beschlossen.

Zu diesem Zeitpunkt hatte sich die Studentenbewegung schon verlaufen. Einige wenige Aktive waren in der gewalttätigen RAF verschwunden, andere hatten sich auf den wahrhaft weiten "Weg durch die Institutionen" gemacht.

Frißt nun die Revolution ihre Kinder, oder unterspülen die Wasser hergebrachter Kultur ihre Sandburgen? Der die "Pille" vermittelnde Sozialreferent ließ sich kirchlich trauen. Nach wenigen Jahren trat er zusammen mit dem Angehörigen einer anderen Konfession aus der Kirche wieder aus, weil er Geld sparen wollte und ihm die kirchliche Verteidigung des Abtreibungsparagraphen 218 als Begründung diente. Die Moped-Freundin heiratete auch, aber einen anderen. Und den Bundespräsidenten, der ein unfreiwilliger Komiker und vielleicht doch kein "KZ-Baumeister" war, hatte längst ein anderer abgelöst. Dieser andere war etwas spröde, aber wacker, und der Schreiber dieser Zeilen verdankt es ihm indirekt, daß er auf seinem "Marsch durch die Institutionen" eines Tages durch eine Seitentür in die Freiheit gelangte.

Zuletzt geändert am 13.07.2007.

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